23.03.15 13:36

Nachhaltigkeit in der Industrie

„Wir müssen technische Zusammenhänge vermitteln“

Das Image der Industrie hat sich gewandelt.

Vom „Umweltverschmutzer“ zum Modernisierungstreiber. Dennoch fehlt Vielen das Bewusstsein für den gesellschaftlichen Mehrwert moderner Industrie, meint Andreas Bruns, Werkleiter bei Henkel.

Von Saskia Feiber
Henkel Nachhaltigkeit
Andreas Bruns Henkel
Andreas Bruns, Werkleiter bei Henkel

Herr Bruns, über den Stellenwert von Nachhaltigkeit wird in der Industrie eher kontrovers diskutiert. Welche Beachtung findet das Thema bei Henkel?

Nachhaltigkeit hat bei Henkel oberste Priorität. Unsere Produkte sind zum großen Teil direkt auf die Anwendung beim Privatverbraucher oder in der Industrie ausgerichtet, das heißt, wenn unsere Produkte und deren Herstellungsweisen nicht nachhaltig sind, haben wir langfristig keine Zukunftschance. Das ist ganz simpel.

Was heißt das konkret in der Umsetzung?

Betrachten wir zwei Beispiele aus dem Werk in Düsseldorf: Es ist uns sehr wichtig, dass wir durch effizientes Arbeiten eine gute Energiebilanz haben und dadurch Kosten sparen können. Daher betreiben wir zum einen seit Jahrzehnten am Standort Düsseldorf ein überwiegend gasbetriebenes Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerk mit einem Wirkungsgrad von zirka 90 Prozent. Das ist sicherlich unter den konventionellen Energieerzeugern ein hervorragender Wert. Zum anderen bemühen wir uns um die Reduzierung der Abfallmengen, die in einem so großen Werk entstehen. Es geht uns darum, nicht nur schlicht weniger Abfall zu produzieren, wichtig ist darüber hinaus auch die Wiederverwertung der Abfallreste. In beiden Fällen haben wir gute Erfolge erzielt.

Ökonomie und Ökologie werden in der öffentlichen Diskussion oft als Widersprüche gesehen. Wie sehen Sie das?

Diese Meinung teile ich absolut nicht. Und sie ist auch für mich nicht nachvollziehbar, denn der Zusammenhang ist eigentlich trivial: Wenn wir als Unternehmen ökologisch auf Dauer nicht auf der Höhe der Zeit sind, dann können wir auch ökonomisch nicht erfolgreich sein.

Warum scheint es dann für viele Unternehmen immer noch so schwierig zu sein, ihre Nachhaltigkeitsstrategien umzusetzen?

Das liegt sicherlich auch daran, dass einige Unternehmen den wirtschaftlichen Mehrwert, den Nachhaltigkeit bietet noch nicht erkannt haben. Die Mehrzahl der international tätigen Konzerne sehen jedoch den wirtschaftlichen Sinn des nachhaltigen Handelns. Auch an den Finanzmärkten gilt Nachhaltigkeit mittlerweile als Erfolgsfaktor. Es gibt zunehmend Fonds und Anleger, die insbesondere auf Unternehmen mit hohen Standards im nachhaltigen Wirtschaften setzen, da diese längerfristige Strategien verfolgen und beständiger agieren.

Das heißt, das Thema müsste sich eigentlich von selbst regeln?

Wenn es von den jeweiligen Unternehmenslenkern in dieser Deutlichkeit erkannt wird, dann lautet die Antwort ja. Bei uns kann ich mit Sicherheit behaupten, dass Nachhaltigkeit auch im Vorstand ein Topthema ist. Wir haben kürzlich bereits unsere Nachhaltigkeitsstrategie bis 2030 veröffentlicht. Und die ist keinesfalls eine Vision, sondern dahinter verbergen sich jeweils konkrete Fünfjahres-Maßnahmenpläne.

Wird das von der Gesellschaft ausreichend wahrgenommen?

Das Image der Industrie ist heute wesentlich besser als vor einigen Jahren. Allerdings fällt mir immer noch auf, dass der umfassende Modernisierungsprozess, der die Industrie zu Hightech-Standards gebracht hat, in weiten Teilen der Bevölkerung noch nicht angekommen ist. Und das ist schon ein merkwürdiges Phänomen, denn die Menschen sind einerseits technikverliebt, und jeder möchte sein eigenes Smartphone haben, aber die Verbindung, dass all diese technischen Gerätschaften ja auch irgendwo herkommen müssen, also die Wertschöpfungsketten, machen sich die wenigsten klar.

„Wir müssen technische Zusammenhänge vermitteln“ Teil 2

Dennoch steigen die Proteste der Bevölkerung gegen Industrieprojekte, wie das Beispiel „Stuttgart 21“ zeigt. Ist das eine Gefahr für wichtige Infrastrukturprojekte, die auch für die Zukunftsfähigkeit einzelner Standorte stehen?

Wir müssen offen darüber sprechen, dass ohne Infrastruktur dasselbe hohe technische Niveau unserer Produktionen und Produkte nicht gehalten werden kann. Dafür ist es wichtig, die Zusammenhänge nachvollziehbar zu erklären. Da sind ganz klar wir – also die Industrie, die ein Projekt initiieren will – in der Bringschuld. Wir müssen proaktiver auf die Menschen zugehen und Zusammenhänge erklärbar machen.

Schaffen Sie diese Transferleistung in die Gesellschaft hinein auch bei komplexen Projektvorhaben?

Komplexe Zusammenhänge sind häufig einfach zu erklären, wenn man eine gut verständliche Sprache dafür findet, plastische Beispiele liefert und die jeweiligen Berührungspunkte der Gesellschaft mit dem Projekt berücksichtigt. Wir haben bisher sehr gute Erfahrungen damit gemacht, frühzeitig diejenigen Interessengruppen einzubeziehen, die an dem Genehmigungsverfahren eines Projektes mitwirken. An unserem Standort haben wir dadurch einen sehr konstruktiven Dialog mit den Behörden und der Verwaltung aufgebaut. Daraus ist ein gewachsenes Vertrauensverhältnis entstanden. Die Behörden können sich darauf verlassen, dass sie über alle Projekte frühzeitig informiert und darin einbezogen werden. Zudem wünsche ich mir eine stärkere Beteiligung der Medien in diesem Informationstransfer – indem nicht immer nur polarisiert wird, sondern der Öffentlichkeit auch die verbindenden Elemente aufgezeigt werden.

Welche Perspektiven sehen Sie für den Standort Deutschland, die mit dem Megatrend Nachhaltigkeit verbundenen Aspekte nicht nur aufzugreifen, sondern sie aktiv mitzugestalten?

Wir haben große Chancen in Deutschland einen Beitrag für die nachhaltige Entwicklung unserer Welt zu leisten. Da bin ich mir sicher. Bei Nachhaltigkeit sprechen wir über ein Thema, dass uns alle verbindet. Doch das ist in vielen Köpfen noch nicht richtig angekommen. Um ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, wird es immer wichtiger, dass nicht nur die Komplexität in der Vermittlung von Industrieprojekten aufgelöst, sondern auch das Basiswissen für technische Zusammenhänge geschult wird. Nur so lässt sich auch gegenüber Veränderungen eine positive Einstellung erzeugen. Eines ist sicher: Wir können in Deutschland mit unserem technischen Wissen den Weg in eine neue Ära der energetischen Wirtschaft aufzeigen. Und wenn das nicht nachhaltig ist, was dann?

Vita Dr. Andreas Bruns

Dr. Andreas Bruns ist Werksleiter der Henkel AG & Co. KGaA in Düsseldorf. Der promovierte Chemiker ist zudem Vorsitzender der Unternehmerschaft Düsseldorf und Umgebung e.V. und Vorsitzender des Industrieausschusses der IHK zu Düsseldorf. Beide Ämter übt er ehrenamtlich aus. Bruns will sich in der Unternehmerschaft besonders für die Stärkung des zukunftsorientierten und innovativen Industriestandorts Düsseldorf einsetzen. Ein Schwerpunkt wird dabei die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit den regionalen Organisationen der Wirtschaft und ein weiterer Ausbau der Bildungsoffensive der Unternehmerschaft im Kompetenzzentrum Übergang Schule-Hochschule oder Beruf sein. Seit der Gründung im August 2010 ist Dr. Bruns zudem Vorstandsvorsitzender der Gesellschaftsinitiative „Zukunft durch Industrie e.V.“. Als gesamtgesellschaftliche Initiative ist „Zukunft durch Industrie e.V.“ von einzelnen Unternehmen, Parteien, Verbänden oder sonstigen Institutionen unabhängig. Der Verein versteht sich als Kommunikationsplattform, die alle gesellschaftlichen Gruppen zum Dialog einlädt, um den Nutzen einer modernen Industrie für die Gesellschaft verständlich aufzuzeigen und bestehende Chancen und Risiken zu diskutieren.