23.09.15 12:54

Erledigt ein Computer bald Ihren Job?

Maschinen ersetzen Menschen

Am Fließband arbeiten, Autos steuern, medizinische Diagnosen stellen – es gibt mittlerweile kaum noch Tätigkeiten, die Computer nicht erledigen können. Ist in der Arbeitswelt von morgen überhaupt noch Platz für den Menschen?

Von Thomas Klein

thinkstock

„Sollte es verboten werden, Videospiele mit gewalttätigen Inhalten an Minderjährige zu verkaufen?“ Diese Frage stellte IBM-Forschungsleiter John Kelly III seinem Supercomputer „Watson“ Ende April während einer Konferenz des US-amerikanischen Forschungsinstituts Milken Institute. Auf der Suche nach einer Antwort scannte der Supercomputer innerhalb weniger Sekunden 4 Millionen Wikipedia-Artikel, erfasste davon die zehn relevantesten und hielt schließlich eine kurze Rede, um die wichtigsten Pro- und Kontraargumente seiner Recherche aufzuführen. Kelly zufolge funktioniert das mit jeder beliebigen Frage.

In ihrer derzeitigen Form könnte die von IBM „Debater“ getaufte Anwendung vermutlich bestenfalls faulen Schülern die Hausaufgaben abnehmen. Dennoch geben Technologien wie diese einen Vorgeschmack auf die Innovationen von morgen. Oder vielmehr darauf, was die amerikanischen Wissenschaftler Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee meinen, wenn sie das zweite Maschinenzeitalter ausrufen. In ihrem Buch „The Second Machine Age“ beschreiben die MIT-Forscher, wie Fortschritte in Automatisierung und Robotik von Menschen besetzte Arbeitsplätze überflüssig machen und zu Massenentlassungen führen könnten. Es handele sich schlicht um Schwarzmalerei, mögen einige Kritiker einwenden, denn die These ist nicht neu. Seit der ersten industriellen Revolution gab es von den Maschinenstürmern über David Ricardo und Karl Marx bis hin zu John Maynard Keynes immer wieder Mahner, die warnten, dass mit zunehmender Technisierung die Arbeit ausgehe. Bisher hat jedoch keine der historischen Persönlichkeiten recht behalten, im Gegenteil. Für jede Stelle, die automatisiert wurde, entstand mindestens eine neue. Was sollte also diesmal anders sein?

Totale Digitalisierung

Für Brynjolfsson und McAfee lautet die Antwort darauf:  Moore’s Law. Gordon Moore, Gründer des US-amerikanischen Elektronikkonzerns Intel, formulierte 1965 die Regel, dass sich die Leistungsfähigkeit von Mikroprozessoren alle 18 Monate verdoppele. Dieses exponentielle Wachstum führt zum Beispiel dazu, dass die Rechenleistung des IBM-Großrechners „Deep Blue“, der 1996 Schachweltmeister Garri Kasparow in die Knie zwang, heute von einem durchschnittlichen Smartphone erbracht werden könnte. Außerdem werden die Prozessoren nicht nur schneller, sondern auch günstiger in der Produktion.  Deswegen verbauen Hersteller die digitalen Komponenten in immer mehr  Alltagsgegenständen, die über das Internet miteinander vernetzt sind. Vom Kühlschrank bis zum Feuermelder –  in den vergangenen zehn Jahren hat sich eine Art „digitale Schicht“ über nahezu alle Lebens- und Arbeitsbereiche gelegt. Der Hauptunterschied zu früheren Automatisierungsschüben liegt darin, dass diese Entwicklung nicht auf einzelne Tätigkeiten begrenzt ist.

Der mechanisierte Webstuhl setzte im 18. Jahrhundert den Webern zu, doch andere Branchen waren nicht betroffen. Das ist heute anders. Die digitale Revolution hat bereits jetzt einen Großteil der Berufsbilder beeinflusst. Überweisungen werden online abgewickelt, anstatt einen Schalterbeamten zu beauftragen. Immer häufiger begrüßt der automatische Kassierer an der Supermarktkasse. Einzelhändler können mit Internetversandhäusern wie Amazon oder Zalando kaum oder nur noch schwer mithalten. Der Onlinehändler Amazon scheint in seiner Expansionskraft kaum zu bändigen zu sein. Der börsennotierte Versandhändler experimentiert mit automatisierten Lieferdrohnen und kaufte im vergangenen Jahr für 750 Millionen US-Dollar das Start-up Kiva, das den gleichnamigen Logistikroboter herstellt. Der Roboter Kiva dürfte gemeinsam mit seinen Kollegen nicht nur den Job von Lagerarbeitern verändern. Roboter werden in vielen Bereichen manueller Arbeit an Bedeutung gewinnen. Das war nicht immer so, lange Zeit waren die Fortschritte in der Robotik eher bescheiden. Die Produktion war teuer, die Einsatzmöglichkeiten waren beschränkt, zudem stellten die Roboter eine Gefahr für  unvorsichtige Werksmitarbeiter dar. Für viele kleine und mittelständische Unternehmen war es daher unattraktiv, Roboter im Betrieb einzusetzen. 

Rise of the Robots

Autor Thomas Klein

Unternehmen wie Kiva, Rethink Robotics oder der dänische Hersteller Universal Robots wollen Abhilfe schaffen. Günstige, flexibel einsetzbare und einfach zu bedienende Modelle sollen es richten. Universal Robots zufolge braucht ein Nutzer ohne Programmierkenntnisse weniger als eine Stunde, bis er dem Roboter die erste Aufgabe beigebracht hat. Er führt einfach den Roboterarm, um den gewünschten Bewegungsablauf zu programmieren. Nach Angaben des Unternehmens, das Volkswagen und BMW als Kunden gewinnen konnte, amortisiert sich die Anschaffung bereits nach acht Monaten. Rethinks Roboter Baxter ist bereits für 20.000 US-Dollar zu haben, also für weniger als ein Jahresgehalt vieler Fabrikarbeiter.

Venture-Capital-Spezialist Dimitri Grishin erwartet in den nächsten Jahren den Durchbruch der Robotertechnologie. Als Hauptgrund führt er an, dass die Herstellungskosten in den vergangenen Jahren rapide gefallen seien. Gegenüber dem Onlinejournal Quartz sagte er: „Wegen der Smartphones beträgt der Preis für Komponenten inzwischen nur noch 1 Prozent [der früheren Kosten]. Die meisten Komponenten von Smartphones – Sensoren, Kameras, Batterien, Prozessoren – benötigt man auch für Roboter.“ Wenn das Geschäft mit Robotern erst einmal massentauglich ist, fallen die Preise noch weiter. Die Unternehmensberatung Frost & Sullivan mutmaßt in ihrer Studie „World’s Top Global Mega Trends to 2025“, dass bis zum Jahr 2020 persönliche Roboter für 1.500 bis 4.500 US-Dollar zu haben sein werden. Nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Wirtschaftlichkeit fließen derzeit massive Investitionen in diesen Sektor. Allein Google hat im vergangenen Jahr sieben Unternehmen übernommen, die Roboter entwickeln.

Während der Preis für die Maschinen fällt, steigt ihre Funktionalität. Lange Zeit scheiterten Roboter an einfachsten motorischen und perzeptiven Aufgaben, die selbst für einen Dreijährigen kein Problem dargestellt hätten. Zum Beispiel war es für eine Maschine schwierig, unsortierte Bauteile aus einer Kiste zu entnehmen, weil sie den richtigen Greifwinkel und Ansatzpunkt nicht fand. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) hat jetzt einen Roboter entwickelt, der dank eines ausgefeilten Algorithmus und verbesserter Sensorik solche Aufgabenstellungen bewältigen kann. Angesichts der stetig fallenden Preise dürfte die menschliche Arbeitskraft an Attraktivität verlieren. Ein weiterer Pluspunkt für den Roboter: Während Unternehmen neue Arbeiter erst einmal anlernen müssen, ist die Software, die den Roboter steuert, beliebig oft kopierbar.

Doch nicht allein der Roboter sorgt dafür, dass künftig Arbeitsplätze in der Produktion verlorengehen. Der 3-D-Druck trägt auch seinen Teil dazu bei. Mit Hilfe der dreidimensionalen Druckverfahren können selbst komplexe Komponenten schichtweise nach Computerdaten aufgebaut werden. Derzeit werden solche Produkte noch von Menschenhand gegossen, gefräst oder geschweißt. Wenn in der vernetzten Produktion von morgen Bauteil und Fertigungsanlage Arbeitsplanung und -ablauf unter sich ausmachen, gibt es für die menschlichen Kollegen immer weniger zu tun.

Aus Watson wird Dr. Watson

„Positiv denken!“, mögen nun die Verfechter der vernetzten Produktion sagen. Die Automaten nehmen den Mitarbeitern doch nur langweilige, beschwerliche und gefährliche Aufgaben ab und setzen sie damit für anspruchsvollere Tätigkeiten frei. Dass aber auch in diesen Bereichen die Luft dünner werden könnte, zeigt das Beispiel Watson. IBMs Superrechner wurde zunächst bekannt, weil er den amerikanischen Jeopardy-Seriensieger Ken Jennings in der Quizshow übertrumpfte. Das Sensationelle daran war aber nicht, dass er die richtigen Antworten nennen konnte, sondern, dass er die Fragen verstand, die zum Teil in Form von Wortspielen formuliert wurden. IBM hatte es also geschafft, dass der Rechner die menschliche Sprache auflösen konnte, was bis vor ein paar Jahren noch als unmöglich galt.

Im Rahmen eines Pilotprojekts ließ die IT-Firma Watson Krebsdiagnosen erstellen. IBM fütterte das System dazu mit Tausenden von Lehrbüchern, medizinischen Artikeln und Patientenakten. Ärzte unterschiedlicher Krankenhäuser beschrieben die Symptome von erkrankten Patienten samt Angaben aus der Familiengeschichte, die Watson innerhalb von Sekunden mit unzähligen vergleichbaren Fällen abglich, um anschließend eine Diagnose und eine Behandlungsempfehlung auszuspucken. Das Besondere: Die Daten waren unstrukturiert, Watson schaffte es aber dennoch, die relevanten Informationen miteinzubeziehen. Die Projekte waren erfolgreich, denn nach Angaben von Wellpoint, dem Unternehmen, das Watson vertreibt, waren die Diagnosen für Lungenkrebs zu 90 Prozent korrekt. Bei menschlichen Ärzten stimmten hingegen nur 50 Prozent.

Die Fehlerquote der Mediziner dürfte nicht gleich zur Folge haben, dass sie von Rechnern abgelöst werden. Das Beispiel zeigt aber, dass es Computerprogrammen immer leichter fällt, selbst unstrukturierte Informationen zu interpretieren und zu verarbeiten. In Bereichen, in denen es nicht um Leben und Tod geht und die weniger stark reguliert sind, werden Maschinen zukünftig immer häufiger auch anspruchsvollere Aufgaben übernehmen. So spielen Softwareprogramme im Wertpapierhandel heute schon eine große Rolle. Selbst vermeintlich kreative Aufgaben werden an Rechner übertragen. Aus einem Projekt von Informatik- und Journalismusstudenten entstand das Start-up Narrative Science, das aus Daten wie Sport- und Finanzergebnissen Nachrichtenmeldungen macht. Die Technologie funktioniert so gut, dass zum Beispiel das angesehene Magazin Forbes das Programm täglich etwa fünf Artikel für die Website schreiben lässt.

Die Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael Osborne untersuchten 2013, welche Folgen die Computerisierung für die Arbeitswelt haben könnte. Sie untersuchten 702 Jobprofile und versuchten zu errechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass diese Aufgaben innerhalb der nächsten Dekade automatisiert werden. Basierend auf US-Arbeitsmarktstatistiken, kamen sie zu dem Ergebnis, dass etwa 47 Prozent der amerikanischen Jobs Gefahr laufen, in den nächsten zehn Jahren obsolet zu werden. So geben sie zum Beispiel an, dass die Jobs von Kassierern, Buchhaltern und Kreditanalysten mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent beziehungsweise 
98 Prozent automatisiert werden.

Solche Projektionen sind natürlich mit Vorsicht zu genießen, denn sie lassen außen vor, dass sich nicht nur die Technologie, sondern auch die Mitarbeiter stetig weiterentwickeln. „Wenn Sie zum Beispiel vor 
15 Jahren das Aufgabenfeld einer Sekretärin genommen haben, dürfte es dieses Berufsbild nach dem technischen Stand von heute gar nicht mehr geben. Dennoch gibt es den Beruf immer noch, weil sich das Aufgabenfeld an die neuen Bedingungen angepasst hat“, sagt Jutta Rump, die Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen. Rump ist überzeugt, dass die umfassende Computerisierung zwar dafür sorgt, dass sich die Anforderungen an die Mitarbeiter entscheidend ändern. Doch überflüssig werden sie deshalb noch lange nicht. „Wenn es um Programmierung, Kreativität und Problemlösung geht oder darum, die gesamte Industrie-4.0-Welt zu gestalten und zu steuern, da braucht es Menschen.“

Ob die fortschreitende Digitalisierung tatsächlich zu Massenarbeitslosigkeit führen wird, ist nicht absehbar. Einige der hier beschriebenen Technologien werden sich sicher als Seifenblasen erweisen, die rasch zerplatzen und keinen Einfluss auf die Arbeit von morgen haben. Andere hingegen nicht. Obwohl demographischer Wandel, Fachkräftemangel und regionale Vollbeschäftigung derzeit eine andere Sprache sprechen, sollten sich Unternehmen, Gesellschaft und Individuen frühzeitig mit der Frage befassen, welche wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen eine solche Entwicklung hätte. In einem Ted Talk erzählt der US-amerikanische Wissenschaftler Andrew McAfee eine Anekdote, die deutlich macht, dass sie nicht nur die Arbeitnehmer betreffen würde: Als Henry Ford II dem Gewerkschaftsführer Walter Reuther seine neuen Produktionsanlagen vorführte und ihn spöttisch fragte: „Wie werden Sie die Roboter dazu bringen, Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen?“, antwortete dieser: „Wie werden Sie sie dazu bringen, Ihre Autos zu kaufen?“.