23.09.15 11:51

Innovationsstrategien im Überblick

„Es wird Panikmache betrieben“

Der Entwicklungschef des Maschinenbauers Trumpf analysiert das digitale Kräftemessen.

thinkstock

Herr Prokop, Sie sind Geschäftsführer für Entwicklung und Einkauf bei Trumpf. Wie schätzen Sie die Position des Innovationsstandorts Deutschland im internationalen Vergleich ein?

Vor allem in den klassischen Branchen wie Automobil, Maschinenbau und Chemie sind wir sehr gut aufgestellt. Im Bereich Internettechnologie dürften wir etwas ins Hintertreffen geraten sein, Marktteilnehmer wie die USA oder China sind uns ein gutes Stück voraus.

Wie beurteilen Sie das Geschäft mit den Daten: Kooperationen der Autoindustrie mit Apple und Google – ein kluger Schachzug?

Soweit ich das abschätzen kann, kooperieren Apple und Google mit den Automobilherstellern nur im Bereich der Endprodukte, also beim fertigen Auto, nicht bei der Fertigung oder der Montage. In diesem Fall handelt es sich gewissermaßen um eine Winwin- Situation. Google und Apple möchten auf den Bildschirmen der Navigationssysteme eines Volkswagens erscheinen. Und das ist auch im Sinne der Wolfsburger, da der Kunde gerne auf Google Maps oder Apples Siri zurückgreifen möchte. Volkswagen wiederum arbeitet auf der Basis eines Baukastensystems. Die Technologie aller Navigationsbildschirme ist einheitlich. Solche Standards bieten eine ideale Voraussetzung, um Google, Apple und Co. einzubeziehen.

Würden Sie ebenso verfahren? Oder hätten Sie Bedenken, dass Google ihre Marktposition schwächt?

Autos sind in hohem Maße standardisierte Produkte. Eine Kooperation mit den ITDienstleistern ist hier sinnvoll und machbar. Natürlich besteht ein reelles Risiko, dass die IT-Riesen mittelfristig nicht nur kooperieren, sondern auch selber eigene Autos anbieten wollen. Ich bin allerdings Maschinenbauer und spreche für den Werkzeugmaschinenbau. Unsere Maschinen sind hochkomplizierte Systeme, die eine eigene Intelligenz haben. Lassen Sie es mich etwas bildhafter formulieren: Bei den Maschinen gibt es die Standards noch nicht. Darüber hinaus muss man das Wesen unserer Maschinen verstanden haben, sonst kann niemand mit ihnen sprechen – auch kein findiger IT-Konzern.

Vielerorts wird die Sorge laut, US-amerikanische IT-Konzerne übernähmen das Kerngeschäft deutscher Industrieunternehmen. Handelt es sich hier um Panikmache oder eine realistische Zukunftsprognose?

Auf die leichte Schulter nehme ich die Bestrebungen der digitalen Konkurrenz nicht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass derzeit an manchen Stellen Panikmache betrieben wird. Ich bin seit drei Jahren im Amt und habe seither jede Menge Kunden besucht. Jeder dieser Kunden ist anders organisiert. Das Verständnis der vielseitigen Fertigungsverfahren und Prozesse ist unser Vorteil. Zudem müssen sie bedenken, dass unser Marktsegment überschaubar ist. ITKonzerne haben zumindest bislang noch kein allzu großes Interesse an unserer Nische gezeigt. Für uns ist diese Nischenfunktion ein Vorteil, denn wir bieten hier spezialisierte Lösungen. So wollen wir unseren Kunden durch Vernetzung Nutzen bringen. Industrie 4.0 kommt uns da sehr entgegen. In den USA gibt es zwar einige Leuchttürme, das Phänomen ist aber noch nicht in der Fläche angekommen. Hier haben wir Topvoraussetzungen, so schnell werden wir nicht zu überholen sein.

Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Prokop ist seit 2012 Geschäftsführer für Entwicklung und Einkauf der TRUMPF Werkzeugmaschinen GmbH + Co. KG.