23.09.15 13:07

Industrie 4.0 bietet insbesondere dem Maschinen- und Anlagenbau neue Möglichkeiten

Chance für den Mittelstand

Für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) bieten die innovativen Werkzeuge, die mit Industrie 4.0 entwickelt werden, eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Produktion effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Insbesondere im Anlagen- und Maschinenbau eröffnen sich Potentiale, neue Produkte zu

entwickeln und zu vermarkten. Doch: Damit die aktuelle Aufbruchsstimmung anhält, muss auf die bewährten Erkenntnisse aus dem erfolgreichen Management technologischer Innovationen zurückgegriffen

Von Bernd Drapp

thinkstock

Industrie 4.0 erlebt einen Hype – mit allem, was dazugehört. Das Internet der Dinge wird in Bezug auf die industrielle Produktion als die nächste industrielle Revolution bezeichnet. In den dazugehörigen Szenarien haben die Unternehmen ihre Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel weltweit vernetzt. Intelligente Maschinen und Werkstücke tauschen Informationen aus und steuern sich selbständig. So soll es den Unternehmen gelingen, weltweit zu agieren und flexibel auf Kundenanforderungen zu reagieren. Es gibt gleich mehrere Gründe, warum dies für KMUs interessant sein kann.

Dieses Szenario wird durch den Trend einer zunehmenden Globalisierung der Märkte bei gleichzeitiger Individualisierung der Kundenwünsche auf der Nachfrageseite unterstützt. Eine flexible Produktion, die individualisierte Kundenanfragen bedient, ist das ideale Aktionsfeld für KMUs. Es geht darum, mit hochspezialisierten Nischenprodukten auf technisch höchstem Niveau gegen eine globale Konkurrenz erfolgreich zu sein. Die zahlreichen Hidden Champions machen es vor.

Damit etwa in einer selbstorganisierten Teilefertigung die richtigen Materialien zur richtigen Zeit an die richtigen Fertigungsplätze transportiert werden, müssen selbstorganisiert und in Echtzeit das Umfeld und die Situation erkannt und richtig klassifiziert werden. Das braucht eine ganze Menge an Sensorik und intelligenter Steuerung. Hier entstehen enorme Chancen für deutsche Technologieunternehmen, ihre Innovationen zu platzieren, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau: einem Gebiet, auf dem deutsche KMUs traditionell präsent und sehr gut aufgestellt sind. 

Das Interesse wächst

Damit sich der Trend und das Interesse an Industrie 4.0 verstetigen, braucht es allerdings auch eine Nachfrage nach der neuen Technologie. Erste Realisierungen von Industrie 4.0 im Produktionsumfeld findet man bei einigen besonders innovationsfreudigen Unternehmen. Im Erklärungsmodell von E. M. Rogers zur Verbreitung von Technologien sind dies die sogenannten „Early Adopters“. Folgt man dem Erklärungsmodell, so wird es eine Verstetigung des Trends nur dann geben, wenn es gelingt, im nächsten Schritt die Gruppe der „Early Majority“ zu erreichen. Diese Nutzergruppe stellt Rogers zufolge ungefähr 34 Prozent der potentiellen Technologienutzer. Die Early Majority ist jedoch deutlich kritischer bei der Anwendung neuer Technologien, als die Early Adopters es sind. Diese Gruppe erwartet einen deutlichen und realisierbaren Benefit von der neuen Technologie.

Geoffrey A. Moore spricht von einer Diffusionslücke, die es zu überwinden gilt, bevor eine neue Technologie von der „Early Majority“ angenommen wird. Dafür müssen die technischen Innovationen die Probleme der Kunden lösen. Das gilt sowohl für die Nutzer von Industrie-4.0-Technologien, die damit die individualisierten Bedarfe ihrer Kunden erfüllen, als auch für den Anbieter, der damit die Kaufkriterien der Nutzer adressieren muss. Es gilt also schon während des Hypes die potentiellen Nutzer zu verstehen und deren Kaufkriterien in die weitere Entwicklung einzubinden.

Was getan werden kann

Gerade im Bereich der Arbeitsorganisation wird der Erfolg von Industrie 4.0 in der Smart Factory davon abhängen, wie sich die neuen Technologien gewinnbringend in eine bereits etablierte Lean Enterprise Organisation integrieren lassen. Intelligente Assistenzsysteme, die Beschäftigte in ihrer Arbeit unterstützen, können ein wichtiger Baustein sein. Erste Realisierungen von Industrie 4.0 deuten darauf hin, dass damit eine Produktivitätssteigerung innerhalb der Teilelogistik von bis 50 Prozent möglich ist. Weitere Ansatzpunkte finden sich bei webbasierten ERP-Systemen und bei der Nutzung von Cloud-Diensten. Damit wird es möglich, von überall unabhängig vom Endgerät auf die Daten zuzugreifen. Die bisherigen vom Nutzer betriebenen lokalen IT-Infrastrukturen können entfallen. Daraus wird sich ein deutlicher Kostenvorteil für die Unternehmen ergeben.

Bei der Nutzung von Cloud-Dienstleistungen und einer Verlinkung von IT und realer Welt liegen die Chancen und Risiken sehr dicht beieinander. Zum einen erlaubt eine Standardisierung der Daten und der Transferprotokolle die einfache Übergabe der Fertigungsinformationen an andere Unternehmen. Dadurch werden künftig horizontale Wertschöpfungsnetzwerke möglich, mit denen sich Auslastungsspitzen abfedern lassen. Zum anderen liegt darin die Gefahr, die Differenzierung vom Wettberber im Markt zu verlieren. Auf dem Gebiet der Standardisierung wird sich das RKW Kompetenzzentrum auch künftig in der Kommission Mittelstand des DIN engagieren.

Insgesamt wird Industrie 4.0 für die KMUs im produzierenden Gewerbe deutlich mehr Chancen als Risiken bringen, um im Wettbewerb mit innovativen Produkten und Lösungen bestehen zu können. 

Dr. Bernd Drapp ist Leiter des Fachbereichs Innovation beim RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V., Eschborn.